Festrede von Alfred Woschitz zur Enthüllung der temporären Installation eines Deserteur:innendenkmals im Ventil am 10.10.26 im Rahmen der Kärntner Kampfabwehr von VADA.

Vielen Dank für die Einladung hier und heute am 10.Oktober 2026 im Rahmen der Enthüllung des 1. Kärntner Deserteur Denkmals ein paar Worte an euch, richten zu dürfen.

Einleitend möchte ich anmerken, dass Denkmäler zu Ehren von Kriegsdienstverweigerern eigentlich „Dankmäler“ heißen sollten.

An einem Tag, an dem in Kärnten gerne marschiert, exerziert und an den heldenhaften Kampf gegen die serbischen Horden des SHS Staates erinnert wird, möchte ich auf das Widerstandsrecht als moralische Verpflichtung hinweisen, denn wie Hannah Arendt unter Verweis auf Emanuel Kant in einem Radiointerview am 9.November 1964 sagte:

„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“

Die Verantwortung, sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, muss in unserer Gesellschaft einen zentralen Platz einnehmen . Das Bedürfnis nach wachsamem und aktivem Engagement ist unerlässlich, um die Prinzipien der Freiheit und der Gerechtigkeit in der Zukunft zu verteidigen. Widerstand ist Teil einer lebendigen Zivilgesellschaft, die bereit ist, sich für die Grundwerte einer demokratischen Ordnung einzusetzen.

Ein geeignetes Mittel sich zur Wehr zusetzen, zu verweigern, sei es aus Feigheit, oder als Befehlsverweigerung, aus Gewissensgründen, uvm., ist die Desertation, auch „Fahnenflucht“ genannt, eine der Möglichkeiten des gewaltlosen und gewaltfreien Widerstandes.

Denn:

„Gewaltloser Widerstand bedeutet nicht Nichtstun.“

Er bedeutet, die ungeheure Kraftanstrengung zu unternehmen, um das Böse mit dem Guten zu besiegen. Diese Kraftanstrengung baut nicht auf starke Muskeln und teuflische Waffen, sondern auf moralische Tapferkeit, auf Selbstbeherrschung und auf das unvergessliche, zähe Bewusstsein, dass es auf Erden keinen Menschen gibt – so brutal, so persönlich feindselig er auch sei – ohne angeborenes Fundament von Güte, ohne Liebe zur Gerechtigkeit, ohne Achtung vor dem Wahren und Guten;

All dies ist für jede und jeden von uns erreichbar, der die geeigneten Mittel verwendet.“

„Deserteur“ bedeutet „Fahnenflüchtiger“ bzw. „Überläufer“ und bezeichnet eine Person, die eigenmächtig den Militärdienst verlässt oder zum Feind überläuft

In diesem Zusammenhang möchte ich an meinen 1943 in Südrussland gefallenen Onkel Alfred erinnern, dessen Namen man mir in Erinnerung an den großen Verlust mit auf meinen Lebensweg gegeben hat. Im Sommer 1943 lag mein Onkel, übersät von Brandwunden in einem Klagenfurter Heeresspital, in der Hoffnung nicht mehr an die Front zu müssen. Es kam anders, und drei Monate später am 17.Oktober 1943, erreichte die Nachricht von seinem Heldentod, mit dem lakonischen Beisatz,

“Gefallen für Führer, Volk und Vaterland“ seine geschockte Bauernfamilie. Wäre ihm damals die „Fahnenflucht“ ermöglicht worden, seine Chancen dazu standen gut, würde ich heute einen anderen Vornamen tragen.

Wenn es nach den Worten von Schnurrbart, festgehalten in seinem Buch „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1925 ginge, wonach

„Der Soldat an der Front sterben kann, der Deserteur jedoch sterben muss“

kann getrost gesagt werden, dass alles Schlechte, Abwertende und Verwerfliche, welches im Zusammenhang mit dem Begriff „Deserteur“ von Kriegstreibern, Aggressoren und Militärs in den Mund genommen wird,

„Der Krieg der wahre Deserteur ist, denn er verlässt das Schlachtfeld und wütet in den Familien weiter.“

Wir kennen alle den Satz von Ingeborg Bachmann

„Hätten wir die Worte, hätten wir die Sprachen, bräuchten wir die Waffen nicht“.

Im Gedicht „Alle Tage“ schreibt sie

»Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
Er wird verliehen
für die Flucht vor den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtbeachtung
jeglichen Befehls.«

Im Geburtsjahr von Ingeborg Bachmann 1926 wurde auch das nachstehende Manifest gegen die Wehrpflicht verfasst:

Manifest gegen die Wehrpflicht (1926)

Wir glauben, dass auf der Wehrpflicht aufgebaute Heere mit ihrem großen Stab von Berufsoffizieren eine schwere Bedrohung des Friedens darstellen. Zwangsdienst bedeutet Entwürdigung der freien menschlichen Persönlichkeit. Das Kasernenleben, der militärische Drill, der blinde Gehorsam gegenüber noch so ungerechten und sinnlosen Befehlen, das ganze System der Ausbildung zum Töten untergraben die Achtung vor der Persönlichkeit, der Demokratie und dem menschlichen Tun. Menschen dazu zu zwingen, ihr Leben aufzugeben, oder sie gegen ihren Willen, gegen ihre Überzeugung und gegen ihren Sinn für Gerechtigkeit zum Töten zu zwingen, stellt eine Erniedrigung der menschlichen Würde dar. Ein Staat, der sich für berechtigt hält, seine Bürger zum Kriegsdienst zu zwingen, wird auch in Friedenszeiten die gebührende Achtung und Rücksicht auf das Wohl und Wehe des Einzelnen vermissen lassen. Mehr noch: Die Wehrpflicht pflanzt der ganzen männlichen Bevölkerung einen militaristischen Geist von Aggressivität ein, und das in einem Alter, in dem sie solchen Einflüssen am ehesten erliegt. So kommt es, dass durch die Ausbildung für den Krieg schließlich der Krieg als unvermeidlich, ja als erstrebenswert angesehen wird.

Ein inhaltlich erweitertes Manifest gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend gab es auch noch 1930 unterzeichnet von zahlreichen Persönlichkeiten aus der Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur, wie z.B:Albert Einstein, Sigmund Freud, Thomas Mann, Romain Rolland, Upton Sinclair, H.G. Wells, Stefan Zweig, Martin Buber, M.K.Gandhi, Kurt Hiller, uvm.

Dem politischen Aktivisten, Antimilitaristen und anarchistischen Autor Erich Mühsam,von Nazischergen 1934 im KZ Oranjenburg ermordet, verdanken wir das folgende Zitat und den Aufruf an uns alle:

Sich fügen, heißt Lügen!

denn:

Unsere Pflicht heißt Gegenwart!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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